Galileo lässt grüßen

10. February 2020

Was in Österreich passiert, wenn man als international renommierter Experte in einem Gutachten für eine Bürgerinitiative zu einem anderen Ergebnis kommt, als die Sachverständigen im Auftrag der heimischen Energiewirtschaft.

Stellen Sie sich vor, über Ihren Grund, durch Ihren Wald, an Ihrem Haus vorbei oder neben Ihrer Ortschaft wird eine 110 KV Leitung geplant. Es wurde geprüft (heißt es seitens der Projektbetreiber und der Politik), ob eine Errichtung als Freileitung (die Kabeln auf großen Strommasten) oder eine Erdleitung vernünftiger wäre. Das Ergebnis stellt sich klar dar: Es geht nur eine Freileitung.

Sie und andere Betroffene informieren sich, suchen das Gespräch mit den Betreibern des Projekts, mit politischen Verantwortungsträger_innen, wollen einfach nur wissen: warum und wie genau? Ganz wichtig: Sie sind nicht grundsätzlich dagegen – nach dem Motto „ja schon, aber nicht bei mir“. Das ehrt Sie.

Die Kommunikation will aber nicht in Gang kommen. Es wird informiert, aber kaum kommuniziert. Sie werden misstrauisch. Weitere Betroffene klinken sich ein, eine Bürgerinitiative bildet sich. Sie fangen an, Fakten zu recherchieren. Und sie werden den vorgebrachten Argumenten gegenüber noch misstrauischer. Das Interesse und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger wächst und um Evidenz zu erhalten, geben Sie ein Gutachten bei international renommierten Experten (auf eigene Kosten) in Auftrag, um die Freileitung mit dem Erdkabel zu vergleichen. Auch das ehrt Sie, denn es könnte sich ja herausstellen, dass die Freileitung vernünftiger ist. Tut es aber nicht, denn dieses Gutachten kommt zu einem vollkommen anderen Ergebnis als die Gutachten der Projektbetreiber.

Dazu mehr in meinem letzten Blogpost: 110 KV Leitungen gehören unter die Erde

Perspektivenwechsel

Stellen Sie sich vor, Sie sind Professor, Sachbuchautor und ein angesehener Experte für Kabeltechnik. Sie werden von einer österreichischen Bürgerinitiative beauftragt, ein Gutachten zu einem konkreten Projekt zu erstellen. Alle Achtung, denken Sie, die gehen das wirklich seriös an. Sie holen sich einen ebenso renommierten Experten zum Thema Netzplanung und -berechnung dazu. Und Sie holen sich über weitere Sachverständige die notwendige Expertise, was die konkreten Gegebenheiten vor Ort angeht. Auf den Punkt gebracht: Sie kommen – anders als die Gutachter im Auftrag der österreichischen Energiewirtschaft bzw. der (oberösterreichischen) Landespolitik zum Ergebnis, die Erdleitung wäre im konkreten Fall vernünftiger. So etwas soll vorkommen.

Schauplatzwechsel

Völlig unabhängig davon, sind Sie – immer noch als der international renommierte Experte, der Sie sind – zu einem Fachkongress eingeladen, veranstaltet von der Technischen Universität Graz. Das Prozedere ist international etabliert: Sie haben Ihren Beitrag eingereicht, und er wurde approbiert. Sie und Ihr Co-Referent (jener Experte für Netzplanung und -berechnung, der auch im Gutachten für die Bürgerinitiative mit an Bord war) stehen im Programm, und Sie freuen sich auf den wissenschaftlichen Austausch. Doch daraus wird nichts, denn Sie erhalten folgende E-Mail:

Sehr geehrter Herr Professor,  

bei Endabstimmung des Programmes stellte sich heraus, dass Ihr Beitrag inhaltlich in völligem Gegensatz zu einem anderen Beitrag eines Fach-Universitätsprofessors gestanden wäre. Ein weiterer Fach-Universitätsprofessor stellte ihre Schlussfolgerungen völlig in Frage. Um eine unausweichliche Eskalation beim Symposium zu vermeiden, nehmen wir beide Beiträge nicht in das endgültige Programm auf.

Wir ersuchen um Ihr Verständnis und bleiben mit freundlichen Grüßen

Echt jetzt?

Nun liegen meine Jahre an der BOKU Wien, an der University of British Columbia in Vancouver und an der University of Chicago schon ein paar Jahre zurück. Ich habe mich nach meinem Abschluss auch ohne Umwege in die Wirtschaft begeben – war also nie wissenschaftlich tägig. Aber das habe ich ganz anders in Erinnerung. Geht es auf wissenschaftlichen Kongressen nicht genau darum? Um das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Meinungen, um den wissenschaftlichen Diskurs?

Und dann wird ein internationaler Experte mit seinem Beitrag ausgeladen, um „eine Eskalation zu vermeiden“? Ich kann mir den Grad der Verblüffung, den diese E-Mail bei den beiden Experten ausgelöst haben muss, durchaus vorstellen.

Einer der Gründe dafür ist, dass ernstzunehmende wissenschaftliche Kongresse – zumal von und an einer wissenschaftlichen Hochschule abgehalten – kontroverse Beiträge und deren Diskussion nicht ausschließen, sondern als essentiell wichtig für den Fortschritt der Wissenschaft geradezu begrüßen.

Zudem sind die beiden Herren wohl kaum als die Rabauken bekannt, die es bei einer wissenschaftlichen Diskussion zu einer "unausweichlichen Eskalation" kommen lassen. Besagtem Professor ist so eine Eskalation mit seinen rund 250 Publikationen und fast ebenso vielen Kongressteilnahmen noch nie passiert. Auch hat er selbst schon entsprechende Tagungen geleitet (unter anderem auch in Wien). 

Zudem ist beiden auch kaum mangelnde Sachkunde vorzuwerfen: Der eine ist auf seinem Gebiet der Netzplanung und -berechnung international führend, und dem Professor wird für den Bereich der Kabeltechnik Ähnliches nachgesagt.

Und von welcher Qualität und Qualifikation wäre denn ein Tagungs-/Diskussionsleiter, auf dass er es bei einer technischen Sachdiskussion zu einer „unausweichlichen Eskalation“ kommen ließe? Man fragt sich, ob diese Begründung eher die beiden Autoren - oder womöglich den Diskussionsleiter diffamiert.

Jedenfalls wurde der von den beiden Experten eingereichte Beitrag für den Kongress von zwei anerkannten Gutachtern der TU Graz positiv bewertet, was zur Annahme des Beitrags führte. Auch lag bei Redaktionsschluss (20.12.2019) keinerlei Beitrag vor, der sich mit demselben Thema auseinandersetzte.

Erstaunlich ist dann, wenn nach Redaktionsschluss ein „völlig gegensätzlicher“ Beitrag eines „Fach-Universitätsprofessors“ auftaucht (sozusagen aus dem Nichts?), und zudem ein zweiter „Fach-Universitätsprofessor“ Schlussfolgerungen des Beitrags der beiden deutschen Experten „völlig in Frage“ stellt.

Was jetzt?

Damit die beiden Autoren als Vertreter eines innovativen Systemvorschlags die Sachdiskussion weiterführen und zudem die Fragen von Fachkollegen, aber auch von Interessierten im Bereich der Medien und Politik beantworten können, haben sie darum ersucht, ihnen den besagten Beitrag des "Fach-Universitätsprofessors" zur Verfügung zu stellen.

Ich bin nicht sicher, hoffe aber, dass diese unwissenschaftliche Vorgehensweise – ähnlich wurde zu Zeiten des Galileo Galilei verfahren – nicht zu einer nachhaltigen Beschädigung des wissenschaftlichen Rufs der Technischen Universität Graz führen wird.

Jedenfalls habe ich dazu den Rektor der Technischen Universität Graz angerufen, und das Ganze mit ihm besprochen. Er war nicht in die Angelegenheit involviert und hat mir zugesagt, sich zu informieren und mich zurückzurufen.

Hat er auch getan, aber herausgekommen ist nichts. Ganz ehrlich – ich bin sehr unglücklich und sauer. Ich habe das mit Journalisten besprochen (Profil | Ausgabe Nr. 7 vom 09.02.2020)

Meine besten Wünsche gelten dennoch dem "Symposium Energieinnovation" für einen ruhigen Verlauf.

 

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„Eine unausweichliche Eskalation“

Profil | Ausgabe Nr. 7 vom 09.02.2029

Die TU Graz lädt einen deutschen Wissenschafter von einem Vortrag aus – und das hat offenbar mit einer umstrittenen Hochspannungsleitung im Mühlviertel zu tun.

Hat die TU Graz ein Problem mit dem wissenschaftlichen Diskurs? Wurde ein deutscher Wissenschafter von einem Vortrag ausgeladen, weil er Vertretern der österreichischen Energiewirtschaft unbequem ist? Ab 12. Februar gibt die TU Graz die Bühne für das dreitägige Symposium „Energy for the future: Wege zur Klimaneutralität“; unter den Mitveranstaltern findet sich auch „Österreichs Energie“, die Interessensvertretung der Branche. Ursprünglich war Heinrich Brakelmann, Professor an der Universität Duisburg/Essen, Fachgebiet: Energietransport und Speicherung, als einer der Speaker vorgesehen. Er sollte über die Nutzung von Erdkabeln zur Stromübertragung in 110-kV-Netzen (als Alternative zu Freileitungen) referieren. Ende November des Vorjahres hatte er bei der TU Graz eine Machbarkeitsstudie eingereicht, die ebenda positiv bewertet und ins Programm des Symposiums aufgenommen wurde. Am 10. Jänner erfuhr Brakelmann allerdings via E-Mail, dass er die Reise ins Steirische nicht anzutreten brauche. „Bei Endabstimmung des Programms stellte sich heraus, dass Ihr Beitrag in völligem Gegensatz zu einem anderen Beitrag eines Fach-Universitätsprofessors gestanden wäre“, schrieb Udo Bachhiesl, der wissenschaftliche Leiter des Symposiums. „Ein weiterer Fach-Universitätsprofessor stellte Ihre Schlußfolgerungen (sic!) völlig in Frage. Um eine unausweichliche Eskalation zu vermeiden, nehmen wir beide Beiträge aus dem Programm.“ Die Ausladung ist jedenfalls im Kontext von Brakelmanns vorangegangener Expertise für eine oberösterreichische Bürgerinitiative zu sehen. Die IG Landschaftsschutz Mühlviertel will den Bau einer umstrittenen 110-kV-Freileitung im Mühlviertel verhindern – und fordert mit Hinweis auf eine Studie Brakelmanns ein Erdkabel. Das wiederum will die oberösterreichische Energie AG mit Blick auf die Kosten (und wohl auch den Präzedenzeffekt) nicht. Die TU Graz hat ihrerseits für das Land Oberösterreich 2018 eine Studie verfasst, welche den hohen technischen Aufwand einer Verlegung unter die Erde hervorhob. Wurde Brakelmann also wegkomplimentiert, weil man bei einem von der Energiewirtschaft gesponserten Symposium lieber keine Debatte über Erdkabel führen wollte? Auf profil-Anfrage verneint die TU Graz jede Intervention von außen: „Diese Entscheidung lag alleine bei den Programmverantwortlichen. Das Symposium, das bereits zum 16. Mal 700 Fachleute aus dem DACHRaum nach Graz holt, versteht sich als ein Ort der fachlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Diskussion aktueller Themen des gegenständlichen Fachgebiets. Allerdings versteht es sich nicht als Forum politischer Diskussion, dafür gibt es geeignetere Orte.“ Und Professor Brakelmann? Fühlt sich an die „Zeiten des Galileo Galilei“ erinnert, wie er kürzlich an die TU Graz schrieb: „Mir ist so etwas mit meinen rd. 250 Publikationen und fast ebenso vielen Kongressteilnahmen noch nicht passiert.“ Ein „ernstzunehmender“ Kongress würde kontroverse Beiträge und Diskussionen nicht ausschließen, sondern vielmehr als „essenziell wichtig für den Fortschritt der Wissenschaft geradezu begrüßen“. Brakelmann legt in dem profil vorliegenden E-Mail übrigens Wert auf die Feststellung, dass er und sein Partner Markus Pöller „kaum als Rabauken bekannt“ seien, die es „bei einer wissenschaftlichen Diskussion zu einer unausweichlichen Eskalation“ kommen ließen.